WhatsAppartement Teil 1: WhatsApp Installieren

Ein WhatsApp Medienkunst-Projekt der blinkgestalten.

Die blinkgestalten tendieren als Medienkünstler zu oft übertrieben langen Phasen
des Reflektierens über neue Technologien. Nach einer fünfjährigen Studienphase
fühlen sich die blinkgestalten nun gewappnet, um sich der Herausforderung WhatsApp zu stellen, und präsentieren ihr neuestes Projekt „WhatsAppartement“.


WhatsApp Installation

In der ersten Folge unserer „WhatsAppartement“ Blog Artikelserie, erleben Sie die blinkgestalten bei der Installation von WhatsApp. Freuen Sie Sich auf unsere technischen, soziologischen und juristischen Überlegungen, sowie auf übertriebene Beachtung unwichtiger Details. Los geht´s!

So eine WhatsApp Installation ist schnell gemacht, vorausgesetzt man kümmert sich
nicht um die lästigen Details. Dumm nur: die blinkgestalten lieben Details.

  • Schritt eins: wir nehmen unser Smartphone zur Hand
    An diesem Schritt sehen Sie bereits, dass die blinkgestalten derzeit noch kein WhatsApp benutzen, denn der typische WhatsApp Benutzer hält sein Smartphone bereits ständig in der Hand. Doch dazu später mehr.
  • Schritt zwei: wir starten den AppStore
  • Schritt drei: wir suchen nach „WhatsApp“ und klicken auf „Installieren“
    Aufpoppende Dialoge zur Bestätigung der erforderlichen Rechte für die App,
    sowie die Nutzungsbedingungen und die Datenschutzbestimmungen bestätigen wir, weil wir weder Zeit noch Lust haben, den ganzen Kram durchzulesen.

Ha, reingelegt!

Natürlich studieren wir die geforderten Rechte der App eingehend, bevor wir sie installieren. Um diesen Artikel schlank zu halten, machen wir uns für den Moment keine Gedanken, warum WhatsApp zum Beispiel Zugriff auf den Standort und SMS braucht, sondern wir konzentrieren uns auf das Adressbuch.


Bitte nicken Sie diese kleine Liste von App Rechten ab … Details würden Sie nur beunruhigen.

Redaktioneller Hinweis: alle unwichtigen Details in dieser Blogserie sind durch farbig hinterlegte Infoblocks markiert. Hier ein Beispiel:

Unwichtiges Detail: Füllbarbe
Wegen der Unwichtigkeit der Details, wurde eine dezente Farbe als Füllfarbe für die Infoblocks gewählt.


Unwichtige Details #1: WhatsApp Zugriff auf das Adressbuch

Lassen Sie uns ein wenig über das Recht „Zugriff auf das Addressbuch“ sinnieren. Da war doch was … WhatsApp und das Adressbuch … was war das gleich noch? Richtig, der Adressbuch-Zugriff von WhatsApp hat es ja sogar in die Presse geschafft. Aber das ist lange her, weshalb Sie es längst wieder vergessen haben. Die blinkgestalten holen diese Leiche gerne wieder aus dem Keller, weil sich in der Zwischenzeit rein gar nichts an diesem Problem geändert hat.

WhatsApp übermittelt den Inhalt Ihres Adressbuchs regelmäßig an den WhatsApp Server. Was genau übermittelt wird ist natürlich Betriebsgeheimnis von WhatsApp, aber soviel steht fest: alle Mobilfunk-Nummern ihrer Kontakte werden übermittelt.

Anhand der Mobilfunknummern kann WhatsApp herausfinden, ob die Kontakte in Ihrem Adressbuch bereits bei WhatsApp bekannt sind. Diese bekannten Kontakte werden dann von WhatsApp als Kommunikationspartner vorgeschlagen.

Die Übermittlung der Kontakte an den WhatsApp Server ist aus Sicht der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) eine Verarbeitung personenbezogener Daten. In der DSGVO ist vorgesehen, dass vor der Verarbeitung von personenbezogenen Daten eine Zustimmung der betroffenen Person erforderlich ist.

Falls Sie Ihr Smartphone für berufliche Kommunikation nutzen, dann ist die Übertragung ihrer privaten Kontakte an WhatsApp ein Verstoß gegen die DSGVO und damit strafbar.

Falls Sie Ihr Smartphone nur privat nutzen (für persönliche oder familiäre Tätigkeiten), dann ist laut DSGVO keine Zustimmung der Personen in Ihrem Adressbuch notwendig.

Viele Mitbürger haben die DSGVO allerdings seit 2018 hassen gelernt, weshalb diese Verordnung häufig nicht mehr geeignet ist, um Überzeugungsarbeit zu leisten.

Stattdessen verweisen wir auf eine geläufigere Regelung: man nennt sie „höfliche Umgangsformen“ – zugegeben ein Relikt aus grauer Vorzeit, und etwas aus der Mode gekommen. Kurz erklärt: bei diesen „Umgangsformen“ geht es darum, wie man miteinander umgeht (daher der Name). Es gibt bereits einen breiten gesellschaftlichen Konsens zur überraschenden Weitergabe von privaten Informationen an andere (=Tratsch): man tut es nicht.
Auf das Informationszeitalter übertragen: die heimliche Weitergabe einer privaten Mobilfunknummer an einen US Konzern (der obendrein mit Daten sein Geld verdient) kann als unschicklich angesehen werden, weil es Menschen gibt, die das eventuell nicht wollen.

Wir stehen also kurz vor der Installation von WhatsApp auf unser Smartphone,
und fragen uns: ist das Hochladen unseres Adressbuchs ein Problem für uns?

Mit der Installation geben wir – abgesehen von unwichtigen DSGVO-Details – unser gesamtes persönliches Netzwerk (in Form von Adressbuch-Einträgen) bekannt. Obendrein erfährt WhatsApp natürlich auch unsere eigene private Mobilfunknummer, die als persönliches Identifikationsmerkmal inzwischen fast eine größere Bedeutung erlangt hat als unser Personalausweis.


Exkurs: Der Unterschied zwischen der Stasi und WhatsApp

Datenschutz-Extremisten bemühen ja gerne mal Vergleiche zwischen den Zuständen in totalitären Systemen und unserer Situation mit den aktuell prominentesten Internet-Giganten GAFA (Google, Apple, Facebook, Amazon). Derartige Vergleiche sind natürlich vollkommen überzogen.

Nehmen wir mal WhatsApp (also Facebook): beim Installieren der App werden wir ja ganz klar gefragt, ob wir unser soziales Netzwerk verschenken wollen.
Gut, wir werden indirekt gefragt, indem man diverse Rechte für die App einfordert, und uns Nutzungsbestimmungen und eine Datenschutzbestimmung zum Abnicken vorlegt.
Aber man fragt uns schon irgendwie, also haben wir die Wahl: Einverständnis in Alles oder soziale Isolation (kein Einverständnis, kein WhatsApp).

Nehmen wir dagegen die Stasi.
Schon die Motivation war bei der Stasi eine ganz andere: bei der Stasi ging es um Machtkonzentration durch das Anhäufen von persönlichen Informationen.
Man wollte zu jedem Zeitpunkt wissen, was die Bevölkerung tut odere plant. Man hatte aber nur begrenzte Möglichkeiten: 200.000 offizielle und inoffizielle Mitarbeiter mussten die Daten weitgehend analog erheben, weshalb man sich bei der Erhebung auf potentielle Staatsfeinde konzentrieren musste.

Zu den gefragtesten Informationen zählten bei der Stasi das soziale Netzwerk (Adressbuch), sowie Kommunikationsinhalte (Briefe). Die Erhebung dieser Information war schwierig: um ein vollständiges Bild von einem Überwachungsziel zu erlangen, musste die Stasi heimlich in die Wohnungen der jeweiligen Person einbrechen und Adressbücher und Briefe abfotografieren.

Wir sehen also: der Vergleich zwischen WhatsApp und Stasi hinkt.
WhatsApp bekommt unser Soziales Netzwerk und unsere Kommunikation freiwillig von uns geschenkt, die Stasi musste diese Informationen mühsam stehlen.
WhatsApp hat die jahrelange Kommunikationshistorie (Inhalte und Metadaten) von der Mehrheit der digital kommunizierenden Weltbevölkerung in digitaler Form auf seinen Servern. Die Stasi hatte nur ausgewählte Datenpunkte und Überwachungsprotokolle einiger weniger DDR Staatsfeinde in Form von analogen, angestaubten Akten im Karteischrank.

Fazit: die Stasi war gefährlich, die Machtkonzentration bei WhatsApp ist dagegen kein Problem.

Doch wir schwoffen ab.
Wir erinnern uns: das Ziel des Projekts „WhatsAppartement“ ist die Verwendung von WhatsApp mit vertretbarer Sicherheit.

Wir installieren die App daher aus Sicherheitsgründen erst einmal nicht auf unserem privaten Smartphone, sondern denken noch ein wenig nach.

Vertretbare Sicherheit heißt für die blinkgestalten: WhatsApp bekommt von uns nur
ausgewählte Kontakte, und WhatsApp bekommt unsere private Mobilfunknummer nicht.

Alles kein Problem – das ist schnell gemacht. Wir brauchen dafür nur:

  • Ein altes Smartphone
  • Einen Fake Google Account
  • Eine anonyme Prepaid-Karte

Unwichtige Details #2: Anonyme Prepaid-Karten

Bei WhatsApp hatte man die „großartige Idee“, dass die WhatsApp-Benutzer über ihre Mobilfunknummer identifiziert werden. Man hätte sich auch für einen anonymen Benutzernamen entscheiden können, aber hey: es ist doch viel besser, wenn man als Identifikator ein Merkmal nimmt, das möglichst untrennbar mit einer konkreten Person verbunden ist. Schöner Nebeneffekt dabei: die private Mobilfunknummer ändert man nur sehr ungern.

Die Konsequenz daraus: wer anonym mit WhatsApp kommunizieren will, der braucht eine anonyme Prepaid-Karte.

Vor einiger Zeit war es noch mit geringem Aufwand möglich, eine Prepaid-Karte anonym zu kaufen und unter falschem Namen zu registrieren. Die Zeiten sind vorbei. Heutzutage muss jede Prepaid-Karte per Video-Ident oder Post-Ident einer konkreten Person zugeordnet werden. Der Grund für diese Neuerung des Telekommunikationsgesetztes ist – wie üblich – irgendwas mit Kriminalität und Terror.

Entweder sind Sie also noch glücklicher Besitzer einer anonymen Prepaid-Karte, oder Sie finden irgendwelche halblegalen Wege, um heute an so eine Karte zu kommen.

Die blinkgestalten waren im Besitz so einer anonymen Karte, die aber kurzerhand vom Provider deaktiviert wurde. Wir haben das Projekt „anonyme Prepaid-Karte“ daher aus Mangel an Zeit und krimineller Energie aufgegeben.

Vorteil: BKA, Verfassungsschutz, BND & Co. können jetzt endlich wieder zuordnen welche Medienprojekte von den blinkgestalten stammen.

Wir setzen zunächst das alte Smartphone auf Werkseinstellungen zurück (um alle Apps und Kontakte zu löschen), legen die SIM der anonymen Prepaid-Karte ein, starten das Smartphone und melden uns mit dem Fake Google Account an. Das Adressbuch lassen wir leer und starten dann die WhatsApp Installation. Die Datenschutzbestimmung und die Nutzungsbedingungen nicken wir dabei ab, fühlen uns aber zumindest ein bisschen schlecht dabei.

Der Aufwand hat sich gelohnt: WhatsApp glaubt, dass wir keine Kontakte haben, die WhatsApp benutzen.

Exkurs: Gaaanz gaanz viele Kontakte für WhatsApp

Falls Ihnen die Installation mit leerem Adressbuch jetzt zu einfach war, dann gäbe es noch eine schöne, aber vermutlich strafbare Projekt-Variante, zu der wir daher explizit NICHT aufrufen.

Gedankenexperiment: was würde eigentlich passieren, wenn man alle Mobilfunknummern im Telefonbuch der Telekom in sein Adressbuch übernähme, bevor man WhatsApp installiert?

Vermutlich würde man gar nicht so weit kommen, weil zuvor das Adressbuch explodiert. Außerdem hat WhatsApp wohl zwischenzeitlich das Maximum der Kontakte von 5.000 auf 250 reduziert. Trotzdem ein interessantes Gedankenexperiment. Als Nicht-Anwalt mit gesundem Menschenverstand empfindet man das Anlegen und Hochladen eines derart umfänglichen Adressbuchs als strafbar. Paradoxerweise besitzt WhatsApp vermutlich heute schon einen Großteil dieser Mobilfunknummern. Wäre das strafbar, hätte dann nicht längst schon jemand einschreiten müssen ..?

Dazu noch eine ergänzende Frage an die Anwälte unter unseren Lesern: könnte man eventuell irgendwie verargumentieren, dass man aus persönlichen / familiären Gründen ganz Deutschland im Adressbuch hat?
Zum Beispiel so: „Sind wir in Deutschland nicht alle eine große Familie?“

PS: alle Infos zum Themenkreis „Auslesen von Telefonbuch-CDs“ gibt es übrigens hier bei erdgeist vom Chaos Computer Club nachzulesen, sowie als Video vom CCC Camp 2019 anzusehen.

Unwichtige Details #3: Nutzungsbedingungen und Datenschutzbestimmung

Um diesen Artikel nicht zu sprengen, gehen wir hier nicht im Detail auf alle Nutzungsbedingungen und die Datenschutzbestimmung ein. Nur soviel: WhatsApp konzentriert sich in den Bedingungen darauf den Benutzer zu beruhigen. WhatsApp will eigentlich nur allen helfen.
Der mündige Bürger weiß allerdings: wenn so offensiv und ohne Nennung von Details beruhigt wird, dann besteht oftmals Grund zur Beunruhigung, weil die ungenannten Details die Bevölkerung vermutlich verunsichern würden.

Um Sie nicht zu verunsichern, wirst Du in den Bestimmungen von WhatsApp dauernd geduzt. Man teilt Dir mit, dass man nur so harmlose Daten wie Deinen Profilnamen, Dein Profilbild und Deine Mobilfunknummer verarbeitet.

Wenn Du illegalerweise auch berufliche Kontakte auf Deinem Smartphone hast, dann bist übrigens Du an diesem DSGVO-Verstoß schuld. WhatsApp formuliert das so: „Im Einklang mit geltenden Gesetzen stellst du uns regelmäßig die Telefonnummern von WhatsApp Nutzern und anderen Kontakten in deinem Mobiltelefon-Adressbuch zur Verfügung„.

Dir wird dann im Detail nicht erklärt, dass man Deine Metadaten verarbeitet (wann Du bei WhatsApp wie lange online bist, und wann Du mit wem wie lange kommunizierst). Man formuliert das lieber so: „Wir analysieren, wie du WhatsApp nutzt, um sämtliche Aspekte unserer hier beschriebenen Dienste zu verbessern.“ Also: wir von WhatsApp wollen doch nur Dein Bestes – wir wollen Dir helfen!

Wer genau „wir“ ist, erfährt man dann hier: „Wir analysieren, wie du WhatsApp nutzt, um sämtliche Aspekte unserer hier beschriebenen Dienste zu verbessern, u. a. indem wir Unternehmen, die WhatsApp nutzen, helfen, die Effektivität und Verbreitung ihrer Dienste und Nachrichten zu messen.„.
„Wir“ ist also nicht nur WhatsApp, sondern das sind auch Unternehmen, die WhatsApp nutzen. Heute ist noch nicht klar welche Art von Unternehmen das sein werden, denn auf WhatsApp werden bislang weder Werbung noch Nachrichten eingeblendet. Sobald es Werbung auf WhatsApp gibt (vermutlich ab 2020) , wird WhatsApp den werbenden Unternehmen Firmen mit Analysedaten helfen ihre Werbung zu optimieren.

Und damit man noch besser helfen kann, holt man sich auch noch ein paar Partner ins Boot: „Zu diesem Zweck verwendet WhatsApp die ihm zur Verfügung stehenden Informationen und arbeitet auch mit Partnern, Dienstleistern und verbundenen Unternehmen zusammen.“

Wir wischen uns jetzt alle – ob dieser Welle der Hilfsbereitschaft aller dieser Partner, Unternehmen und Dienstleister – die Träne aus dem Augenwinkel. T’schuldigung – überbordender Sarkasmus.

So, der erste Schritt – die WhatsApp Installation – ist geschafft. Das war doch gar nicht so schwer, oder? Damit sind wir auch schon am Ende von Teil 1 der Blog-Serie zum Projekt „WhatsAppartement“.

Wir haben gesehen, dass es bei der Installation von WhatsApp eigentlich nur ein paar
unwichtige Details zu beachten gilt, und dass man lediglich etwas Geld für ein Zweit-Smartphone und eine Zweit-Prepaid-Karte in die Hand nehmen muss. Das sollte es uns aber wert sein.

In Teil 2 lesen Sie, was wir als nächstes mit unserem Zweit-Smartphone mit WhatsApp anstellen, und warum der Name unseres Projekts „WhatsAppartement“ ist. Und natürlich werden wir Sie wieder mit einer Menge unwichtiger Details zu WhatsApp belästigen.

blinkgestalten

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